Sternstunden der Musik | Nigel Kennedy & die vier Jahreszeiten

Sternstunden der Musik | Nigel Kennedy & die vier Jahreszeiten

Sternstunden der Musik | Nigel Kennedy & die vier Jahreszeiten

Ein Film von Silvia Palmigiano und Isabel Hahn, ZDF/arte und C Major Entertainment, 43 min.

Sendetermin bei ARTE: 10.04.2022 um 18:15 Uhr

Als Nigel Kennedy 1989 Vivaldis ‚Vier Jahreszeiten‘ einspielt, mischt er die Klassikwelt auf. „Punk-Geiger“ wird der Musiker von der Presse betitelt und von vielen belächelt. Doch die Platte verkauft sich besser als jedes andere Klassikalbum davor und danach. Kennedy gelingt es, Berührungsängste eines Publikums zu überwinden, dem Klassik bis dahin zu elitär war. Der Film erzählt vom überraschenden Aufstieg eines Außenseiters zum Superstar und einer Vivaldi-Interpretation, die Kultstatus hat.

Als Nigel Kennedy der Plattenfirma EMI seine Vision eines neuen Klassik-Albums vorstellt, sind zunächst alle skeptisch. Kommt er doch eher leger daher: Seine Haare stehen ab, sein Outfit ist ein wilder Mix aus Punk, Gothic und New Wave. Manager John Stanley wittert eine Chance: „Wenn Kennedy so sein darf wie er ist, könnt ihr Millionen Platten verkaufen.“ Er sollte recht behalten.

Der Film nimmt die Zuschauer mit ins Jahr 1989, als Kennedy und das English Chamber Orchester mit ihrer Einspielung von Vivaldis Vier Jahreszeiten die Musikwelt aufmischen. Die Aufnahme schafft es mit über drei Millionen verkauften Platten ins Guinnessbuch der Rekorde. Kennedy spricht ein Publikum an, das bislang Berührungsängste mit Klassik hatte.

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Früh fällt der Schützling von Yehudi Menuhin als „Rebell“ auf: tagsüber studiert er an der renommierten Juilliard School, nachts spielt er in New Yorker Jazz-Clubs und lernt die Kunst der Improvisation – unter anderem von Stéphane Grappelli.

Kennedy erinnert sich: „Die Klassikwelt hat sich wie eine Zwangsjacke angefühlt. Ich musste etwas ändern, sonst wäre ich ausgestiegen. Ich hatte nichts zu verlieren.“ Bei der Aufnahme der ‚Vier Jahreszeiten‘ will er sich weder von der historischen Aufführungspraxis noch von der russischen Schule leiten lassen. Er sucht und findet eine Interpretation, die in die Zeit passt. Mit seiner Spielweise und seinem Look bricht er mit den Konventionen des klassischen Konzertbetriebs. Das sorgt sogar für Streit im Parlament des Vereinigten Königreichs.

In der wie ein Popkonzert gefilmten Konzertaufzeichnung sitzt das Londoner Publikum in Jeans und Pulli dicht am Bühnenrand. Die Outfits der Orchestermusiker und die Bühnenbeleuchtung wechseln je nach Jahreszeit. Stargeiger Maxim Vengerov zeigt, was an Kennedys Spiel revolutionär ist. Die Modedesignerin Esther Perbandt kommentiert: „Er ist Individualist und zieht sich nicht aus Marketing-Gründen so an.“ Nigel Kennedy selber sagt von sich: „Ich kann nur der sein, der ich bin. Und so bin ich halt.“

Mit seiner Aufnahme hilft Kennedy jungen Musikern, die Grenzen und Regeln der Klassikwelt zu hinterfragen. Dabei hat er die Tür ganz weit aufgestoßen – für ein Publikum, das Vivaldis Musik ansonsten ferngeblieben wäre.

Sternstunden der Musik | Spirituals in Concert – Kathleen Battle und Jessye Norman

Sternstunden der Musik | Spirituals in Concert – Kathleen Battle und Jessye Norman

Sternstunden der Musik | Spirituals in Concert – Kathleen Battle und Jessye Norman

Ein Film von Dag Freyer, ZDF/arte und C Major Entertainment 2021, 43 min.

Als Jessye Norman und Kathleen Battle am 18. März 1990 die Bühne der Carnegie Hall betreten, weht ein Hauch von Geschichte durch Amerikas berühmtesten Konzertsaal. Zwei der besten Sopranistinnen der Welt setzen der afroamerikanischen Musiktradition ein Denkmal. Ein musikalisches Statement in einer Ära des konservativen Rollbacks in den USA.

Jessye Norman and Kathleen Battle

Der Abend im März 1990 steht unter enormem Erwartungsdruck. Die Spannung knistert an allen Ecken. Würden die beiden konkurrierenden Diven es tatsächlich schaffen, gemeinsam und nicht gegeneinander zu singen? Obwohl Spirituals sich inzwischen als Konzertrepertoire etabliert hatten, ist es doch stets ein Wagnis, die Wucht klassisch geschulter Stimmen auf die innig-schlichten Melodien „loszulassen“.  Kann der Geist von Musik, die Menschen in der Unterdrückung Lebenskraft, Mut und Trost spenden sollte, von hochvirtuosen Stimmen für Hörer auf sündteuren Opernplätzen bewahrt werden?

Die beiden Diven erobern die Carnegie Hall im Sturm, Kritik und Publikum huldigen ihnen: Es ist ein musikalisches Fest aus Charisma, Virtuosität, Lebendigkeit und Show. Jessye Norman dominiert mit ihrem authentischen Timbre und einem afrikanisch-farbenprächtigen Kostüm die Bühne, Kathleen Battle trifft noch die feinsten hohen Koloraturen. Eine magische Einheit entsteht zwischen den beiden gegensätzlichen Künstlerinnen an diesem Abend, als sie sich dem Repertoire annehmen, mit dem in ihrer Jugend ihr musikalischer Werdegang begonnen hatte.

Peter Gelb, damals der Produzent des Konzerts und heute der General Manager der Metropolitan Opera, erinnert sich an die Umstände, unter denen dieses besondere Konzertereignis entstand. Queen Esther Marrow, die Gründerin der Harlem Gospel Singers, und die in Berlin lebende Jocelyn B. Smith unterstreichen den spirituellen Aspekt und die politische Dimension des Abends.

Peter Gelb

Joy Denalane

E. Curenton

Hört man das Konzert heute, 3 Jahrzehnte der Desillusionierung später, so hört man es unweigerlich im Kontext der „Black Lives Matter“ – Bewegung, die sich durch eine Häufung von Polizeigewalt gegen Schwarze gebildet hat. Ein Rollback, wie es wohl insbesondere die beiden Sängerinnen nicht erwartet hätten, die ihr eigenes Kapitel der Bürgerrechtsbewegung vollendeten, indem sie das Auftreten Nicht-weißer Sänger*Innen auf den Opernbühnen zur Normalität machten.

Wir hören die packenden Duette wie Scandalize my Name und „Klassiker“ wie Swing low, sweet Chariot erneut und versuchen, das Konzert in seiner damaligen und heutigen musikgeschichtlichen wie politischen Dimension zu erfassen – vor allem aber, um die einzigartige Performance zu genießen, die dieser genuin afroamerikanischen Ausdrucksform weltweite Wertschätzung eroberte.

Sternstunden der Musik | Der Jahrhundertring 1976

Sternstunden der Musik | Der Jahrhundertring 1976

Sternstunden der Musik | Der Jahrhundertring 1976

Ein Film von Eric Schulz, ZDF/arte und C Major Entertainment, 43 min., 2021

Der Jahrhundertring 1976Die künstlerischen und gesellschaftlichen Wellen schlugen hoch, noch bevor sich der erste Vorhang hob. Flugblätter wurden verteilt und Unterschriften gegen die Inszenierung gesammelt, Musiker verließen den Orchestergraben, weil sie mit der avancierten Interpretation durch den Dirigenten Pierre Boulez nicht einverstanden waren. Die konservative Presse wehrte sich gegen die politisch-kapitalismuskritische Deutung von Richard Wagners Hauptwerk „Der Ring des Nibelungen“. Nach der Absage von Ingmar Bergmann wurde der erst 31jährige Fernseh- und Filmregisseur Patrice Chéreau verpflichtet. Er hatte bislang lediglich eine Oper von Rossini und Offenbach inszeniert. Als Konzept für den mehrteiligen und vielstündigen „Ring“ hatte er bei Wolfgang Wagner eine Schreibmaschinenseite eingereicht. Es blieben ihm vier Monate Zeit, das gewaltige Bühnenwerk zu erarbeiten. Der Jahrhundertring 1976

1976: Das hundertjährige Bestehen der Bayreuther Festspiele sollte mit einer Neueinstudierung von Richard Wagners „Ring“ groß gefeiert werden. Im Foyer des Festspielhauses wollte man eigentlich die Jubiläumsstimmung verbreiten, aber da spuckte Bayreuths Stammkundschaft Gift und Galle gegen die „entartete Kunst“: „Ein Kasperltheater“, „brutale Vergewaltigung“ und „der Wagner, der Richard, dreht sich im Grabe um“ konnte man hören. Bürgerinitiativen aus Mannheim und Heidelberg mit dem Slogan „Werkschutz für Wotan“ gründeten sich und man suchte die Aufführung durch Buhrufe zu stören. Vereinzelt kam es zu Rangeleien und Schlägereien.

Patrice Chéreau hat sich in seiner Inszenierung konsequent an den sozial-politischen Kunstschriften von Richard Wagner orientiert, die der Komponist im Kontext seiner Arbeit am „Ring“ geschrieben hatte. Es war keine vordergründige linke Ideologie, sondern es war Wagners Versuch, einer Epoche ihr mythologisches Fundament zu geben und die Gesinnung der Zeit einzufangen. Der „Ring“ wird so zu einer Allegorie auf das industrielle Zeitalter in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit all seinen politischen Implikationen. Patrice Chéreaus Ansatz war es, den „Ring des Nibelungen“ als „eine Beschreibung der schrecklichen Perversionen der Gesellschaft, die sich in dieser Erhaltung der Macht begründet“ zu verstehen und ihn in seinen „Mechanismen eines starken Staates und der Opposition“ zu entlarven. Diese Art der Interpretation gefiel vor allem den Altwagnerianern und rechtskonservativen Kreisen überhaupt nicht. Trotz aller Anfeindungen, Festspielleiter Wolfgang Wagner und das Regieteam hielten an ihrem Konzept fest und überließen die Bühne der Kunst.

Der Jahrhundertring 1976Der „Jahrhundertring“ erfüllte das Diktum Richard Wagners, dass mit dem „Ring“ ein musikalisches Gesamtkunstwerk zu schaffen sei. Mit der Inszenierung, dem Bühnenbild und Lichtdesign, den Kostümen, der musikalischen Interpretation und nicht zuletzt der sängerischen Qualität der zahlreichen Solisten und des Chores wurde ein Mythos geboren. Das deutsch-französische Projekt endete mit einem der größten musikalischen Triumphe; die Inszenierung wurde als Jahrhundertereignis gefeiert.

Der Jahrhundertring 1976Der Film zeigt Ausschnitte von diesem im wahrsten Sinne monumentalen Opernereignis. Zeitzeugen blicken zurück und kommentieren das Geschehen auf und jenseits der Bühne. Die Sopranistin Dame Gwyneth Jones, die Altistin Hanna Schwarz und der Tenor Heinz Zednik standen damals mit auf der Bühne. Der französische Regisseur Vincent Huguet erzählt von seiner Zusammenarbeit mit Patrice Chéreau, dessen Assistent er in späteren Jahren war; die junge Sängerin Anna Prohaska, der Wagner-Sänger Günther Groissböck und Regisseur Barrie Kosky haben sich mit dem „Jahrhundertring“ auseinandergesetzt und sprechen über ihre Eindrücke. Und Friedrich Dieckman hat als Berichterstatter eine der wichtigsten Rezensionen über die die Vorgänge in Bayreuth geschrieben.

Das vollständige „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner mit seinen vier Teilen „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ (Gesamtdauer 16 Stunden) ist bis Dezember 2021 im Internet unter concert.arte.tv abrufbar.

Sternstunden der Musik | Arthur Rubinstein: Abschied von Chopin

Sternstunden der Musik | Arthur Rubinstein: Abschied von Chopin

Sternstunden der Musik | Arthur Rubinstein: Abschied von Chopin

Ein Film von Anne-Kathrin Peitz, ZDF/arte und C Major Entertainment, 43 min., 2021

Arthur Rubinstein auf der BühneIm April 1975 wird in der Londoner Fairfield Hall Musikgeschichte geschrieben: Der Pianist Arthur Rubinstein, der allmählich erblindet, will der Welt ein Vermächtnis hinterlassen. Chopins zweites Klavierkonzert hat ihn durch sein ganzes Leben begleitet. In der Fairfield Hall bringt Rubinstein es ein letztes Mal zum Leuchten.

Dafür kehrt Arthur Rubinstein nach London zurück, wo er 63 Jahre zuvor sein Debüt gab. Er ist 88 Jahre alt und eine lebende Legende, die mit Komponisten wie Rachmaninow oder Strawinsky auf Augenhöhe verkehrt hat. Es ist das Finale einer unglaublichen Lebensleistung und der grandiose Auftritt eines Altmeisters.

Ein Dreivierteljahrhundert hat Rubinstein die Bühnenwelt beherrscht – und als Connaisseur, Weltenbummler sowie Womanizer das Leben. Obwohl er gesteht, „weniger geübt zu haben als andere“, avanciert er zu wohl bedeutendsten Pianisten des 20. Jahrhunderts und bezeichnet sich selbst als „glücklichsten Menschen, dem ich je begegnet bin“.

In „Abschied von Chopin“ gesteht Daniel Barenboim, dass er als 14-Jähriger mit Rubinstein seine erste Zigarre geraucht und seinen ersten Wodka getrunken habe. Seine Lebensgefährtin Annabelle Weidenfeld nennt ihn den charmantesten Menschen überhaupt und die jüngste Tochter, Alina Rubinstein, erinnert sich an den charismatischen aber oft abwesenden Vater, den sie „für niemanden in der Welt habe eintauschen wollen“. Faszinierende Einblicke in das Familienleben der Rubinsteins gewähren bisher selten gezeigte Archivaufnahmen und auch der Grandseigneur an den Tasten kommt selbst zu Wort.

In der legendären Konzertaufzeichnung, ganz ohne Publikum, eigens für die Kameras, mit dem London Symphony Orchestra unter Dirigent André Previn, ist Rubinstein noch immer die majestätische Pianisten-Ikone: aufrecht wie elegant thront er im Frack am Flügel. Das Spiel des Maestros ist edel, golden, gelassen, lebensvoll. Mühelos evoziert er seinen singenden und atmenden „Rubinstein Ton“, den junge Pianistinnen und Pianisten bis heute bewundern. Auch mit fast 90 Jahren hat der Ausnahmepianist und Chopin-Interpret schlechthin nichts von seiner Sogkraft eingebüßt: heiter ist er, ein wenig verschmitzt. Dafür haben ihn seine Zuhörer stets geliebt – und er sie.

Sternstunden der Musik – Anna Netrebko & Rolando Villazón singen La Traviata

Sternstunden der Musik – Anna Netrebko & Rolando Villazón singen La Traviata

Sternstunden der Musik – Anna Netrebko & Rolando Villazón singen La Traviata

Ein Film von Anaïs Spiro, ZDF/arte und C Major Entertainment, 43 min.

Salzburg 2005 – Verdis Traviata schlägt ein wie eine Bombe: nie zuvor waren Opernstars so scheinbar zum Anfassen nah, nie zuvor so präsent in den Medien. Anna Netrebko und Rolando Villazón in den Hauptrollen stehen zwar nicht zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne – doch hier in Salzburg werden sie endgültig zu Superstars. Jeder für sich, vor allem aber  als Paar auf der Bühne, das die Phantasien des Publikums beflügelt.

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Die moderne Inszenierung von Willy Decker gibt Netrebko und Villazón – alias Violetta und Alfredo – den Raum, den sie für ihre Performance brauchen.

Die junge Violetta hat als Edelkurtisane ein flottes Leben in Paris. Doch sie ist krank und weiß, dass sie bald sterben wird – da verliebt sie sich zum ersten Mal.

Ein tragischer Stoff, in Salzburg so zeitgemäß und greifbar wie vielleicht nie zuvor auf die Bühne gebracht. Die beiden Hauptprotagonisten teilen 15 Jahre nach diesem legendären Auftritt ihre Emotionen mit dem Zuschauer. Willy Decker plaudert aus dem Nähkästchen. Die kaum bekannten Filmaufnahmen der Probenarbeit geben einen intimen und persönlichen Einblick von der Atmosphäre am Set. Die junge französische Sopranistin Erminie Blondel erzählt von ihrer Bewunderung für das Traumopernpaar. Die Traviata in Salzburg 2005 : Ein Fest der höchsten Gesangskunst und des lebensechten Spiels.